In einer aktuellen Videoschalte habe ich mit Michael Lüders über die humanitäre und medizinische Katastrophe im Gazastreifen, die politische Untätigkeit in Deutschland und Europa sowie über konkrete Versuche gesprochen, medizinische Hilfe zu organisieren.
Zu Beginn des Gesprächs habe ich meinen persönlichen und beruflichen Hintergrund erläutert. Ich bin Neurochirurg und habe über Jahrzehnte klinisch gearbeitet. Auch im Europäischen Parlament verstehe ich mich in erster Linie als Arzt und als Bürger in politischer Verantwortung. Mein Engagement für Gaza ist aus dem Anspruch entstanden, angesichts massenhaften Leidens nicht nur zuzusehen oder zu analysieren, sondern praktisch zu handeln.
Im Zentrum unseres Gesprächs stand die medizinische Lage im Gazastreifen. Nach den Informationen, die ich seit Ende 2025 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, Hilfsorganisationen und palästinensischen Ärzten zusammengetragen habe, benötigen insbesondere tausende Menschen mit schweren Extremitätenverletzungen dringend operative Versorgung. Bereits damals waren rund 17.500 registrierte Patientinnen und Patienten mit komplexen Brüchen und schweren Weichteilverletzungen erfasst. Ohne rechtzeitige Behandlung drohen Amputationen, dauerhafte Behinderungen oder lebenslange schwere Funktionseinschränkungen. Schon zu diesem Zeitpunkt gab es etwa 2.000 Amputierte, deren Verletzungen grundsätzlich behandelbar gewesen wären.
Das Kernproblem ist aus meiner Sicht klar: Viele dieser Verletzungen könnten grundsätzlich vor Ort versorgt werden. Es gibt nach Aussage palästinensischer Ärztinnen und Ärzte weiterhin Behandlungsorte und medizinisches Personal. Was fehlt, sind die Mittel für eine regelhafte chirurgische Versorgung: Narkosemittel, Antibiotika, chirurgische Instrumente, sterile Materialien, Implantate, Schrauben, Platten sowie spezialisiertes Personal, insbesondere plastische Chirurgen. Zahlreiche dieser medizinischen Güter sind vorhanden und teilweise sogar bereits durch die Europäische Union finanziert – sie erreichen den Gazastreifen jedoch nicht.
Ich habe im Gespräch geschildert, dass Hilfslieferungen an Grenzübergängen oder in Zwischenlagern festgehalten werden. Auch in Zypern, insbesondere in Limassol, lagern Container mit Hilfsgütern. Der Zugang wird regelmäßig mit dem Hinweis auf angebliche „Dual Use“-Güter blockiert – also Güter, die zivil wie militärisch nutzbar seien. Nach meiner Auffassung betrifft diese Blockade selbst Material, das für die Behandlung von Frakturen und offenen Verletzungen unverzichtbar ist. Die Folge ist verheerend: Es fehlt nicht nur an einzelnen Medikamenten, sondern an der gesamten operativen Versorgungskette.
Ein weiterer Schwerpunkt unseres Gesprächs war die politische Reaktion auf europäischer Ebene. Bereits im Mai habe ich gemeinsam mit Michael von der Schulenburg und Ruth Firmenich in einem Brief an Roberta Metsola vorgeschlagen, im Europäischen Parlament zu Beginn der Sitzungswoche eine Schweigeminute für die getöteten Kinder und Zivilisten im Gazastreifen abzuhalten. Auf unser Schreiben an die Parlamentspräsidentin erfolgte jedoch nicht einmal eine Antwort. Ich halte das für beschämend – gerade weil das Parlament bei anderen humanitären Katastrophen regelmäßig zu symbolischen Gesten des Gedenkens bereit ist.
Auch meine zahlreichen Schreiben an führende politische Entscheidungsträger – darunter Ursula von der Leyen, António Costa, Kaja Kallas, Bundeskanzler Friedrich Merz sowie weitere deutsche und europäische Verantwortungsträger – blieben nach meiner Erfahrung weitgehend ohne Resonanz. Eine der wenigen Reaktionen kam von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die mir schrieb, dass sie den in meinem Brief geschilderten Eindruck nach einem eigenen Israel-Besuch grundsätzlich nachvollziehen könne. Das war eine der sehr wenigen Antworten, die ich überhaupt erhalten habe.
Im Gespräch mit Michael Lüders wurde auch die aus meiner Sicht eklatante Doppelmoral westlicher Politik deutlich angesprochen. Während völkerrechtswidrige Gewalt andernorts klar benannt und verurteilt wird, fehlt im Fall Gaza vielfach jede politische Klarheit. Ich habe kritisiert, dass innerhalb der europäischen Institutionen parteipolitische Rücksichten, Fraktionsdisziplin und geopolitische Abhängigkeiten dazu führen, dass über das Leid der Zivilbevölkerung zwar informell gesprochen, öffentlich aber geschwiegen wird.
Michael Lüders verwies ergänzend auf Aussagen führender Vertreter der israelischen Regierung, die aus seiner Sicht auf eine dauerhafte Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus dem Gazastreifen hinauslaufen. Ich habe in diesem Zusammenhang betont, dass die systematische Verhinderung lokaler medizinischer Versorgung nicht nur humanitär verheerend ist, sondern auch die Lebensfähigkeit der Gesellschaft im Gazastreifen insgesamt untergräbt. Medizinische Behandlung vor Ort ist immer auch ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft weiter existieren kann.
Ein zentrales Fazit unseres Gesprächs lautet deshalb: Medizinische Evakuierungen allein reichen nicht aus. So wichtig die Aufnahme einzelner Verletzter im Ausland ist, entscheidend bleibt die Wiederherstellung und Sicherung der lokalen Versorgung. Nur wenn Hilfsgüter, Medikamente, Implantate und medizinisches Personal den Gazastreifen erreichen, lassen sich tausendfache vermeidbare Amputationen, Behinderungen und Todesfälle verhindern.
Ich habe im Gespräch auch meine persönliche Frustration über die Begrenztheit politischer Mittel beschrieben. Anders als im Klinikalltag, in dem medizinisches Handeln unmittelbar Wirkung zeigt, besteht politische Arbeit häufig aus Gesprächen, Schreiben und Appellen ohne sichtbares Ergebnis. Gerade deshalb habe ich angekündigt, selbst weiter praktisch tätig werden zu wollen: Geplant ist eine Reise nach Ramallah sowie in Krankenhäuser in Ostjerusalem und im Westjordanland, um dort medizinisch mitzuarbeiten und zugleich neue Kontakte für konkrete Hilfe aufzubauen.
Darüber hinaus haben wir die breitere politische Dimension angesprochen: die außenpolitische Orientierung Deutschlands, die Rolle der Europäischen Union, die Gefahr einer weiteren regionalen Eskalation und die Notwendigkeit einer politischen Kraft, die soziale Fragen, Friedenspolitik und Völkerrecht wieder zusammen denkt. Für mich ist klar: Wegschauen ist keine Option – weder angesichts der sozialen Krise im eigenen Land noch angesichts der humanitären Katastrophe in Gaza.
Zentrale Punkte des Gesprächs:
• Tausende Verletzte im Gazastreifen benötigen dringend chirurgische Versorgung
• Medizinische Behandlung vor Ort wäre vielfach möglich, scheitert aber an Blockaden
• EU-finanzierte Hilfsgüter erreichen Gaza wegen angeblicher „Dual Use“-Einwände nicht
• Unser Vorschlag für eine Schweigeminute im Europäischen Parlament wurde nicht aufgegriffen
• Meine Briefe an deutsche und europäische Spitzenpolitiker blieben weitgehend unbeantwortet
• Lokale Versorgung und Evakuierung müssen zusammen gedacht werden
• Geplante Reise nach Ramallah, Ostjerusalem und ins Westjordanland zur medizinischen Unterstützung vor Ort
Zur Aufzeichnung der Diskussion:
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